Institut für Einfachheit

Beratung nach dem Prinzip der konsequenten Einfachheit

Bundesministerin Aigner: die Expertin für Preispolitik

Artikel vom 18.05.2012

In einem Gastkommentar in der Bild am Sonntag vom 13. Mai 2012 erklärt die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner (CSU), dass sie mit der Preispolitik der Discounter nicht zufrieden ist. Da Lebensmittel aus Deutschland von höchster Qualität sind und weltweit einen hervorragenden Ruf genießen, dürften sie nicht verramscht werden.

Die Gefahr laut Aigner: ein paar Konzerne lieferten sich einen ruinösen Preiskampf und erwecken durch Tiefstpreise den Eindruck, Lebensmittel seien Ramsch-Artikel. Sie ist sehr besorgt über den aggressiven Wettbewerb unter den Lebensmittel-Discountern, die nur ihren Marktanteil im Auge hätten. Aigner will Wertschätzung für Lebensmittel. Vermutlich meint sie, das sei durch hohe Preise zu erreichen. Sie befürchtet sogar, dass die Händler – gemeint sind sicher die Discounter – langfristig das Vertrauen der Kunden und die Existenz ihrer Lieferanten aufs Spiel setzten. Sie weiß sogar auch noch, dass billiger nicht immer besser ist. Milch, Fleisch oder Brot dürfe nicht verramscht werden und unsere Landwirte hätten einen Anspruch auf eine anständige Bezahlung ihrer Leistungen.

Abgesehen davon, ob die Ministerin überhaupt weiß, was ein Discounter ist, erhebt sich die Frage, ob sie auch eine Vorstellung hat von den Mechanismen in der Wirtschaft und ob sie jemals etwas gehört hat über Preisbildungen am Markt.

Zu vermuten ist, dass sie gern hohe Verbraucherpreise für Brot, Milch und Fleisch hätte. Vermutlich meint sie, dass dann auch die Bauern, Bäcker und Fleischer mehr zum Leben hätten und zudem das Ausland bemerkt, wie wertvoll deutsche Nahrungsmittel sind.

Welch ein Unfug, noch dazu aus dem Regierungslager. Mich interessiert nun sehr, welchen Kartoffelpreis Frau Aigner vorschlägt, der dann auch den Kartoffelbauern „ihren Anspruch auf anständige Bezahlung ihrer Leistung honoriert“. Vielleicht sollte man auch überlegen, künftig den Bundestag über die Nahrungsmittelpreise entscheiden zu lassen. Nun dokumentiert auch noch Frau Aigner – neben  vielen inkompetenten Journalisten – dass auch sie nicht versteht, was Wesen und Struktur von Discountern und Handel generell ausmacht. Von den europäischen Märkten für Nahrungsmittel scheint sie ebenso wenig zu verstehen wie von Grundfragen der Marktwirtschaft. Aktuell klagen sogar die Schweizer Bauern über eine große Überproduktion von Milch und über Probleme, den Käse zu vermarkten. Das hat wesentlich mit Preiseffekten zu tun für die die Discounter nicht verantwortlich sind, sondern der Wechselkurs des Schweizer Franken, den die Regierung bestimmt hat. Möglicherweise wollte sie den Franken nicht einfach verramschen.

Abgesehen von politischen Eingriffen in die Preisbildung von Grundnahrungsmitteln (Quotenregelungen, Stillegungsprämien, Butterbergen usw.) werden Preise auch heute noch bestimmt von Ernten, von Angebot und Nachfrage bei den Rohstoffen, von Kosten der Produktion, Logistik, Vermarktung und Vertrieb. Auch Steuern und Abgaben spielen eine Rolle. Wie hoch ist nun der gerechte Preis für einen Zentner Roggen oder für 1000 g Roggenbrot? Welche Rolle darf es spielen, ob ein Supermarkt für seine Miete 6 Euro oder 15 Euro bezahlt? Gerecht ist es offenbar, wenn der Supermarkt mit der 6 Euro Miete den Milchpreis nicht entsprechend senkt. Das wäre ja Verramschen. Wir können uns natürlich auch für eine Preisregulierungsbehörde entscheiden. Sie bestimmt die Preise für Milch, Brot, Fleisch und Kartoffeln. Oder der Bundestag entscheidet – übrigens mindestens vor jeder Landtags- oder Bundestagswahl über Mindestlöhne der Landarbeiter und Mindestpreise für die Bauern. Dazu muss es dann natürlich ein Importverbot geben oder im Minimum einen Mindestpreis der Brüsseler EU-Kommission.

Milch ist gesund, Brot auch, etwas weniger Fleisch auch, Kartoffeln sind neutral, falls sie nicht zu Bio-Sprit zu verarbeiten sind. Mit höheren Preisen – zur Not auch mit Steuern wie beim Benzin an der Tankstelle könnte im Nebeneffekt sogar die Volksgesundheit positiv entwickelt werden.

Welche Produkte möchte die Ministerin künftig ihrer politischen Wertschätzung unterwerfen – neben Milch, Brot und Fleisch auch Sahne, Zucker, Bananen, Äpfel, Himbeeren, Kunstwerke, Literatur, Ingenieur- und Handwerkerleistungen?

Für eine Aigner-Nachhilfestunde in Sachen Wirtschaft empfehlen wir folgenden Lehrinhalt:

1. Preise bilden sich auf der Grundlage von: Geschäftsmodellen und deren Strategie, Kostenstrukturen und Wettbewerb.

2. Niemals bilden sich Preise auf der Grundlage von so genannten „Wertschätzungen“: Wer ist derjenige, der schätzt? Wie ermittelt der Schätzer den Wert?

3. Nur staatlich verordnete Preise bilden sich nach anderen Kriterien (zum Beispiel  Mineralöl und Arzneimittel) – eben offenbar nach Wertschätzungen.

Einfachheit könnte als Alternative den Weg zum Wesentlichen zeigen. Aber von Einfachheit und vom Umgang mit Komplexität verstehen unsere Politiker nichts.