Institut für Einfachheit

Beratung nach dem Prinzip der konsequenten Einfachheit

WDR-Fernsehen: Vorurteile und Ignoranz im ALDI Check (22.8.2011)

Artikel vom 11.10.2011

Zu diesem Thema gab es inzwischen einen Briefwechsel zwischen Dieter Brandes und dem WDR. Im Brief an den WDR und hier auf der Website wurde dem WDR Manipulation unterstellt. Dagegen hat sich der WDR gewehrt und rechtliche Schritte angedroht. Wir nehmen hier den Vorwurf der Manipulation zurück, denn die dafür notwendige Voraussetzung ist die beweisbare Absicht. Absicht können wir dem WDR nicht nachweisen. Wir können das nur annehmen, dürfen das aber rein formalrechtlich nicht behaupten. Wir können nur weiterhin annehmen, dass den WDR ein beträchtlicher Anteil von vorgefassten  und fehlgeleiteten Annahmen trieb, begleitet von Unwissen und Ignoranz.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) Fernsehen bat Dieter Brandes zur Teilnahme an der Marken-Check Serie. In dieser Serie sollten Ikea, Ferrero, Aral und Aldi als Marken vorgestellt werden. Da man bei Aldi nicht filmen darf, kam die Idee auf, einen Aldi-Markt in ein virtuelles Studio in Köln zu projizieren. In diesem Studio fand ein umfangreiches Interview mit Dieter Brandes statt.

Die Ausstrahlung des Aldi-Checks am 22. August 2011 übertraf alle Erwartungen und  Befürchtungen von Ignoranz und Zuschauerbeeinflussung  mit Vorurteilen von Filmemachern erheblich. Aus den fünf Stunden Interviews mit Dieter Brandes wurden keine zwei Minuten wiedergegeben. Wichtige Themen wurden nicht erörtert, denn Zweifel könnten ja das Weltbild der Redakteure stören.

Dieter Brandes hat seine Kritik zur Sendung der WDR-Intendantin Monika Piel mit folgendem Text (leicht gekürzt) übermittelt:

“Bei aller hier folgenden Kritik muss ich doch eines zugestehen: der Beitrag hatte ein klares Konzept. Zunächst kommen Kunden zu Wort mit überwiegend sehr positiven Äußerungen zu allen vier Themenbereichen (Verführung, Preisvorteil, Qualität und Fairness). Dann kommt der WDR und klärt auf, nämlich dass die Wirklichkeit anders ist. Aldi zeige „überraschende Seiten“. Es wäre ja einfach öde und langweilig, nur das zu bestätigen, was die Kunden glauben. Offenbar verlangt die Dramaturgie journalistischer Arbeit Überraschungen, Sensationen, Negatives.

Zu den einzelnen Beurteilungskriterien:

Verführung

30 Prozent der Einkäufe seien ungeplant. Das soll Verführung sein. Das WDR-Urteil: „erstaunlich“, denn der (verführte) Kunde „wird mehr Geld los als geplant“. Beim WDR ist die zusätzlich gekaufte Butter, die vorher nicht auf dem Einkaufszettel stand, aus Verführung entstanden. Sind solche und andere Anregungen aus dem Angebot im Handel negativ? Einfach nur Ware anzubieten ist schon ein übler Trick, mit dem man den Kunden das Geld aus der Tasche lockt?

Weiß einer der Filmemacher, dass alle Aldi-Artikel nach logistischen Überlegungen platziert werden und niemals die Artikel (Weine z.B.) mit den guten Margen in Augenhöhe? Auch Süßigkeiten gibt es nicht an der Kasse. Kunden werden zudem nicht trickreich durch den Laden an allen Artikeln entlang geschleust. Eine „erstaunliche“ Verführung?

Preisvorteil

Das WDR-Urteil: da wird Aldi „oft überschätzt“. Nachdem der WDR bei den Marken große Preisunterschiede zugunsten Aldi festgestellt hatte, kommt dann der Haupttest mit so genannten Grundnahrungsmitteln. Dieser Test ist unprofessionell und falsch und zeugt von Unwissenheit in der Materie:

  1. Es werden nur 15 Artikel verglichen, die nicht gezeigt werden
  2. Noch gravierender ist, dass man auf den Qualitätsvergleich bei diesen Artikeln verzichtet hat. Es werden nach Angabe immer die billigsten Artikel oder die Eigenmarken verglichen. Die billigste Konfitüre kann bei einem Anbieter 30 Prozent Fruchtanteil haben, bei einem anderen aber 50 Prozent.
  3. Es wurde nicht beachtet, dass alle Mitbewerber bei den relativ wenigen Grundnahrungsmitteln in die Aldi-Preise einsteigen. Das führt zum gleichen Warenkorbwert. Bei den vielen anderen Artikeln gibt es oft riesige Preisunterschiede (das können leicht 50 Prozent sein).

Qualität

Das WDR-Urteil: „ordentlich“. Gut ist, dass Ergebnisse der Stiftung Warentest ausgewertet wurden, denn das ist einer der wichtigsten Maßstäbe. Aber es wurden keine Relationen zwischen den Mitbewerbern aufgezeigt. Ein riesiger Mangel.

Erkennbar ist der Aldi-Artikel Unamat von Aldi Nord, der im Test Oktober 2010 mit 2,1 genauso gut abgeschnitten hat wie Persil mit 2,1. Der Preisunterschied pro Waschgang 0,12 gegenüber 0,26 Euro (54 Prozent billiger). Nun mag ja ein Mitbewerber den gleichen Preis haben wie Aldi, aber oft nicht in der gleichen  Qualität.

Bei Flüssigwaschmitteln erhält Tandil von Aldi die Note 2,4 gegenüber 2,7 für Persil.

Auch wenn andere Einzelhändler ähnlich gut abschneiden mögen, so erhebt sich die Frage, ob bei diesem Sachverhalt ein Urteil „ordentlich“ passend ist, wenn man in sehr vielen Fällen besser ist als der bekannteste Markenartikel. Im übrigen – das weiß der WDR natürlich nicht – hat Aldi im Laufe der Jahrzehnte die kleinen und mittleren Hersteller auf ein solches Markenniveau geführt, von dem nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Mitbewerber profitieren.

Fairness

Mit einer sehr merkwürdigen Darstellung von Preisverhandlungen wird ein Eierproduzent präsentiert. Dieser als der einzige Lieferant in der Sendung wird herangezogen für das WDR-Urteil „unzureichend“. Man sagt, es sei „gerichtsbekannt“, dass Aldi die fairsten Beziehungen zu Lieferanten unterhalte. Warum kommen andere nicht zu Wort?

Unmittelbar mit dem Eierthema zeigt der WDR die schrecklichen Zustände in einer Legebatterie und fragt hier, ob Aldi die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion begünstigt hat. Aldi verkauft keine Eier aus Legebatterien, sondern nur Eier aus Freilandhaltung und Bodenhaltung. Ob das jeder Kunde durchschaut?

Einige Beispiele aus dem Kreis der Mitarbeiter werden gezeigt, um das „unzureichend“ Urteil zu belegen. Dazu gibt es sehr vieles anzumerken, mehr als ein Ex-Betriebsrat von Aldi in Berlin, der vor 20 Jahren in Streit und Hass ausgeschieden war. Beide Aldi-Gruppen beschäftigen mehr als 60 000 Mitarbeiter in Deutschland. Da sollte es nicht schwer sein, ein paar Unzufriedene (und das oftmals auch zu Recht!) zu finden. Aber zufriedene Mitarbeiter gibt es für den WDR natürlich nicht.

Aldi Süd hat keine oder kaum Betriebsräte. Das ist schlimm, wie dargestellt wird. Das Fairness-Urteil auch sicher aus diesem Grund „unzureichend“. Aldi Nord hat in 35 Gesellschaften Betriebsräte. In jeder Gesellschaft gibt es zwei von der Arbeit voll freigestellte Betriebsräte, die sogar jeder einen Firmen-PKW fahren, damit sie entsprechend ihren Aufgaben die Läden besuchen können, um auch die Korrektheit der Arbeitsweisen dort zu prüfen. Warum ignoriert der WDR das? Passt das nicht in das vorgefasste Urteil?

Auf die Kommentierung weiterer Punkte aus der Sendung verzichte ich, weil sie den Rahmen dieser Anmerkungen sprengen würde.

Zum Schluss

Der WDR  wollte kein objektives oder objektiviertes Urteil. Er wollte andere Interviewbeiträge oder sonstige Feststellungen nicht überprüfen, denn sie passten besser zum vorgefassten Urteil, das man sich nicht gern stören lässt. Ein plattes Urteil in Bild-Zeitungsmanier ist vielen Zuschauern leichter zu übermitteln. Das verstehe ich – allerdings nicht aus der Verantwortung eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Nur Insider können so etwas erkennen. Mir geht es inzwischen so, dass ich kaum noch irgendeiner Magazinsendung vertraue, weil mir immer dann, wenn ich selbst Einblick hatte, die Oberflächlichkeit, Einseitigkeit oder auch Intention der Redakteure deutlich wurde.  Ist das Fairness der Sender gegenüber dem Zuschauer? Soll ich den anderen Beiträgen über Ikea, Ferrero und anderen Glauben schenken?

Meine Einlassungen haben nichts damit zu tun, dass auch die anderen Händler wie Edeka, Rewe, Lidl gute Arbeit machen. Ich werfe dem WDR vor, dass viele meiner Bemerkungen im virtuellen Studio (auch negative zu Aldi) ignoriert wurden und dass Vorurteile und Annahmen aus Unwissenheit oder Absicht publiziert werden.

Aber das Motto war: der wenig informierte Aldi-Kunde denkt zu positiv, der WDR stellt richtig und klärt auf. Nun darf der Fernsehkunde dankbar sein.

Aldi kann ich nur empfehlen, bei der bisherigen Enthaltsamkeit gegenüber den Medien zu bleiben. Immer besteht die Gefahr, dass eine Äußerung genutzt wird, passend in die journalistische Dramaturgie eingebaut und ins Gegenteil verkehrt zu werden.”

Dieter Brandes

26.8.2011

 

In der Folge zu diesem Brief und einer Antwort eines WDR-Mitarbeiters gab es am 4. Oktober 2011 von Dieter Brandes noch einmal folgende Erwiderung:

Antwort auf das Schreiben von Thomas Nell, Programmgruppe Wirtschaft und Recht vom 5.9.2011:

„Im folgenden will ich nur noch kurz eingehen auf den Brief von Herrn Nelle vom 5.9.2011, denn alles Wesentliche hatte ich bereits beschreiben. Herr Nelle widerlegt absolut nichts und argumentiert an keiner Stelle  überzeugend. Lediglich zur Legebatterie werden behutsam Eingeständnisse angedeutet. Die Redaktion wolle angeblich diese Sequenz ersetzen. Darum geht es mir nicht, denn das zeigt besonders deutlich die Machart des Films. Der Eierlieferant mit seiner kuriosen Erklärung zu Preisverhandlungen aus dem Jahr 2000 passt übrigens besser in eine kabarettistische Sendung.

Auf die E-Mail von Herrn Nelle zur Ablehnung, mir Unterlagen zum Preisvergleich zuzusenden, hatte ich bereits geantwortet.  Die sogenannten „grundsätzlichen Erwägungen“ und meine Einstufung als „Nicht-Betroffener“ sind bemerkenswert. Ersichtlich scheuen Sie sich vor einer Überprüfung Ihres verantwortungslosen Preisvergleichs. Die Passanten, so heißt es, hatten ein umfassendes Bild für ihr Urteil. Beachtlich, wie Sie das annehmen können bei 4×15 zu vergleichenden Artikeln.

Bei meiner Kritik geht es mir in keinster Weise um Aldi, sondern allein um Ihre unsagbaren Vorurteile und die dramaturgische Kreativität – vielleicht gut fürs Theater, aber nicht für ein sachorientiertes Magazin.

Verführung:

Entgegen Ihrer Auffassung sind „Spontaneinkäufen“ Bestandteil von grundsätzlichen Unternehmens- und speziellen Angebotskonzepten. Bei Aldi ist dieses in keinster Weise ein absatzpolitisches Instrument. Aber woher sollten Sie das auch wissen. Ihr Butterargument ist wirklich geeignet, zu einer bedeutenden Fallstudie in den Wirtschaftswissenschaften zu werden. Auch Ihre statistische Aussage (ein Drittel) erscheint mir nicht haltbar, wenn eine solche Untersuchung professionell durchgeführt würde. Die wenigsten Kunden gehen mit einem vollständigen festen Plan in die Läden. Damit ist in der Vorstellung des WDR immer ein großer „Verführungsanteil“ schon vordefiniert ist.

Den „üblen Trick“ unterstellt der WDR den kapitalistischen Einzelhändlern, die systematisch ihren Kunden böswillig mehr Geld aus der Tasche ziehen als diese auszugeben bereit sind.  Den Kunden durch ein Angebot anzuregen, ist verwerflich. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten können dafür natürlich kein Verständnis aufbringen. Sie haben den Zwangskunden das Geld schon vorab aus der Tasche gezogen, auch wenn diese gar nicht kaufen wollten. So kann der WDR nicht verführen, sondern nur aufklären. Überhaupt nicht „erstaunlich“.

Preisvorteil:

Preisuntersuchungen sind komplex, trotzdem kann man sie korrekt oder unkorrekt durchführen.  Die Autoren haben sich einfach nicht genügend Mühe gemacht und haben damit grob fahrlässig gehandelt.

Man kann entgegen Ihrer Annahme eben nicht darüber diskutieren, ob die Frage zum Verhältnis von Preis und Leistung zu stellen wäre. Das ist ein Muss. Preis ohne Qualität ist purer Unsinn. Die Arbeit des Teams war unsauber und passt nur zur Dramaturgie.

Eine wesentliche Frage bleibt auch, wie die Autoren ihr Urteil aus 15 Artikeln ableiten können, bei etwa 2000 Artikeln im Aldi-Sortiment und bei dem vorangegangenen Vergleich der Markenartikel. Das Urteil „oft überschätzt“ geht einfach völlig daneben.

Qualität:

Es wird hier zu mühsam, ein Urteil von „gut bis sehr gut“ zu begründen, wie es die weitaus überwiegende Zahl von Verbrauchern, Lieferanten, Mitbewerbern und Fachleuten bestätigen würde.

Fairness:

Auf das Mitarbeiterthema war ich in meinem ersten Schreiben bereits ausführlich eingegangen. Im übrigen hat Aldi Süd sich dem WDR gegenüber geäußert, wie mir von dort mitgeteilt wurde. Aber vielleicht waren das Äußerungen, die das Selbstbild der Filmemacher gestört haben könnten?

Zum Schluss:

Natürlich soll Ihren „unabhängigen Journalisten“ nicht das Selbstbestimmungsrecht darüber  genommen werden, wen sie zu befragen haben. Objektivität und Sorgfalt verlangen aber eine andere Arbeitsweise als jene des Aldi-Checks, der wenn nicht manipulativ, dann aber grob fahrlässig und, wenn nicht absichtlich, dann eben „aus Versehen“ so erstellt wurde.

Aus rein formalen Gründen nehme ich den Vorwurf der Manipulation zurück, denn Absicht ist kaum beweisbar. Die Zuschauer werden sich ihr eigenes Urteil bilden müssen, obwohl sie es sehr schwer haben bei solchen Magazinsendungen, Ignoranz, Ideologie und  Vorurteile von Sorgfalt und Kompetenz zu unterscheiden.“

Dieter Brandes

Hamburg, 2. Oktober 2011